Nur kurz für die Wiedervorlagemappe – weil es derzeit zu laut ist für alle wesentlichen Dinge … (zeitnahe Wiedervorlage wäre allerdings wünschenswert, nach meinem bescheidenen Dafürhalten):
Bei aller offenen Sorge, ob Covid-19 allein nun bis zum Jahresende 2 Millionen Menschen das Leben kosten wird oder eine ganze Milliarde, sei die Feststellung gestattet, dass vernünftiges Verhalten, vor Covid strikt verboten und geächtet, plötzlich strikt vorgeschrieben ist. Wer es wagt, nur wegen eines nutzlosen Bullshitjobs durch die Gegend zu fahren, wird ab morgen festgenommen. Niemand darf mehr erkältet zum Hausarzt – man holt sich seine Krankschreibung gefälligst auf dem Postweg ab. Wer nicht zur Schule geht, sondern online lernt, wird gelobt. Wer weitere Autos herzustellen versucht, wird aus dem Werk ausgesperrt. Das nicht behördlich genehmigte Umpanschen von Wodka zu Desinfektionsmitteln wird begrüßt.
Wir haben allerdings gerade 2 echte Probleme: Erstens können
wir uns nicht gegenseitig in den Arm nehmen und nicht so helfen, wie wir´s gern
wollten, zweitens haben wir ab morgen keine Arbeit mehr und ab übermorgen kein
Geld. Geld, präzisierend, ist dabei indes nur Mittel zum Zweck, denn wir müssen
ja Miete zahlen, Gas, Strom, Wasser und unsere Brötchen (oder Schnitzel). Und „wir
haben keine Arbeit mehr“ ist erst recht relativ, denn es gibt ja genug zu tun.
Was wir brauchen und was wir zu tun haben, sehen wir jetzt. Wir
brauchen Ärzte und Pfleger, wir brauchen Bauern und Erntehelfer, die den
Spargel aus der Erde ziehen, wir brauchen Leute, die die Ernte (von Karotte bis
Klopapier) an den zahlreichen Ausgabestellen verteilen. Wir brauchen die
Feuerwehr, die Müllabfuhr und Leute mit hübschen Mützen, die Gauner jagen. (Nein,
die Liste ist nicht vollständig (Platz für Notizen haben Sie zuhause).)
Es zeigt sich: Was die meisten von uns täglich so „arbeiten“,
ist offensichtlich nicht essentiell. Obendrein verbraucht es Ressourcen, die
wir nicht haben, versaut die Atemluft nicht nur in Norditalien und unsere
Kindern die Zukunft. Also lassen wir das doch einfach mal sein.
Aber wir brauchen doch Geld!
Stimmt das?
Bitte sauber bleiben: Wir brauchen Wohnraum, gut beheizt,
wir brauchen Essen, Getränke, Schokolade, wir brauchen Möglichkeiten, unsere
Freude nicht nur online zu treffen, sondern auch live – also Fahrräder,
BusBahnAuto und (sehr selten) Flugzeuge. Wir brauchen Orte, an denen wir uns
begegnen können, und Orte, an die wir uns zurückziehen können.
Das alles haben wir. Doppelt und dreifach. Wir wohnen nicht
in Somalia.
Überdies haben 70% von uns plötzlich den ganzen Tag Zeit.
Machen wir´s doch mal so: Wir sind das Volk, wir sind der
Staat, das bestreitet ja keiner. Also drucken wir jetzt Vattenfall und Co. Giralschecks
über 3 Phantastillarden Neumark, damit sind all unsere Stromrechnungen bis 2022
bezahlt. Gleichermaßen großzügig überweisen wir giral an unsere Gas- und
Wasserversorger. Mietzahlungen stellen wir mit sofortiger Wirkung ein. Vermieter,
die dadurch in materielle Not geraten, fangen wir kollektiv auf, Gästezimmer
stehen in ausreichender Zahl zur Verfügung. Da unsere Banken und Versicherungen
durch diese Maßnahme natürlich über Nacht pleite sind, haben wir hernach eben
beides nicht mehr. Unser Geld ist weg. Unsere Versicherungen auch. Unser
Staatshaushalt auch.
Versicherungen brauchen wir aber nicht mehr. Wir versichern
uns ja gegenseitig, dass wir einander helfen. Wir haben alle Zeit. Für unsere Alten
und für unsere Jungen. Rente? Wozu? Unsere Alten wohnen doch, gut beheizt, gut
versorgt, besucht und gepflegt. Wir brauchen weder Renten noch
Rentenversicherung. Es genügt, dass wir einander unserer Solidarität versichern.
Und Banken? Wozu? Wir brauchen ein Tauschmittel? Immer gern. Dann drucken wir
uns eben eins. Weil wir das tatsächlich brauchen, siehe gleich. Aber unser
neues Tauschmittel rostet, wenn es zu lange liegt. Habenzinsen? Gibt es nicht
mehr.
80 Millionen Menschen haben ab morgen keine Angst mehr und
keinen Existenzdruck.
Und keiner von denen weiß dann, was zu tun ist? Keiner von
denen wird dann noch alte Leute pflegen, Medikamente entwickeln, den Spargel
aus den Feldern ziehen, Feuer löschen, Gauner jagen oder lustige Videos ins
Netz stellen?
Langsam.
Wir sprechen hier von einer vollständig existenzangstfreien
Gesellschaft. Abermals: Wir sind nicht in Somalia. Wir haben genug Häuser und Wohnungen,
wir haben genug Kraftwerke, Straßen, Krankenhäuser und Polizeiwagen, wir bauen
100% unseres Lebensmittelbedarfs selbst an, und das tun wir dank unserer
Maschinen (alle schon da) höchst effizient und effektiv. Schon lange. Wir haben
sogar genug „regenerative Energiequellen“, um unseren gesamten Bedarf zu decken.
Unseren privaten Bedarf. Nicht den Bedarf unserer Industrie. Aber die haben wir
ja gerade abgeschaltet, weitgehend.
Wir haben alle ein Dach über dem Kopf, beheizt, mehr als
genug zu genug zu essen und zu trinken. Und youtube. Und Skype.
Jetzt brauchen wir aber noch Klopapier.
Und jemand, der den Spargel rauszieht.
Und jemand, der die Alten pflegt.
Und die Jungen unterrichtet. (Online, gern auch mal live
versammelt).
Und jemand, der Gauner jagt. Und Feuer löscht.
Dafür haben wir jetzt 80 Millionen Kandidaten.
Wer das nicht machen möchte, hat´s warm, unter einem Dach, mit
Essen, Trinken, youtube.
Wer das hingegen sehr wohl machen möchte, der wird von uns
honoriert. Mit Rostgeld (siehe oben).
Das heißt: Es setzt ein gewaltiger Run ein auf all die
Tätigkeiten, die wirklich erledigt werden müssen. Den Preis hierfür regelt
tatsächlich „die unsichtbare Hand“, denn nur die Besten werden unsere Kinder
unterrichten, nur die schnellsten werden unsere Feuer löschen und unsere Gauner
jagen, und nur die freundlichsten werden unsere Alten pflegen.
Niemand wird diese Besten Schnellsten Freundlichsten darum
beneiden, dass sie ein bisschen mehr Rostgeld haben als wir alle, die wir diese
wichtigen Jobs nicht bekommen haben. Uns anderen wird schon was einfallen, denn
wir können ja auch noch was anderes. Zum Beispiel Sachen reparieren. Oder ein
Perpetuum mobile erfinden. Oder lustige Videos drehen.
Und sollte dies oder jenes den anderen richtig gefallen,
bezahlen sie dafür bestimmt auch ein bisschen Rostgeld. Aber selbst wenn nicht,
stört uns das auch nicht, denn wir sind erstens angstfrei in Sicherheit, und
zweitens tätig, weil es uns Freude bereitet.
Und da unsere Existenzangst über Nacht verschwunden ist, ist
unsere Kreativität und Freude grenzenlos.
Zudem wird, um diesen Ausblick zu beenden, eine ganz neue
Währung auf der Welt erscheinen, über Nacht. Denn da wir nichts und niemand
mehr über Geld definieren können, wird uns plötzlich auffallen, dass es einen
anderen Maßstab gibt, der uns beeindruckt.
Unser Neid wird nicht spurlos verschwinden. Wir werden die
beneiden, die von allen geliebt und geschätzt werden, weil sie viel können und
alles teilen. Wir werden diesen Leuten nacheifern, so gut wir können, denn wir
lieben es, geschätzt zu werden.
Wir werden einen wilden Wettkampf erleben darum, wer den
anderen am besten hilft.
Das ist die Downside: Wir werden manchmal abends ins Bett
sinken, erschöpft von all dem Wettkampf-Altruismus, und einsehen müssen, dass uns
schon wieder eine/r besiegt hat in den Gutmenschen-Charts. Aber wir bleiben
ehrgeizig. Morgen! Morgen werden wir selbst ganz oben stehen in dieser Liste!
(Aber vielleicht bleiben wir morgen auch einfach mal liegen,
es ist ja da draußen für alles gesorgt.)
Sie ärgern sich schon die ganze Zeit und denken in Großbuchstaben:
WAHNSINN! ABER! DAS GEHT DOCH ALLES NICHT!
Gut. Dann machen Sie mal einen besseren Vorschlag. Aber kommen
Sie mir nicht mit dem Vorschlag, wir könnten doch einfach unsere Banken und
Versicherungen und 60% Bullhitjobs mit selbstgedrucktem Geld retten und so
weiterfahren wie vorher. Das ging nämlich schon vorher nicht, aber dieser Weg
ist jetzt endgültig vom Tisch.
Glauben Sie nicht? Wir sprechen uns im Sommer. (Behalten Sie
diesem ärgerlichen Schmierzettel mal solange auf dem Tisch, irgendwo zwischen Ihrem
Berg unbezahlter Rechnungen und den Kontoauszügen Ihrer geplatzten Banken und
Versicherungen. Wir können uns dann ja noch mal zusammensetzen. Ich gestehe
aber, dass ich früher besser fände als später.)
Ich wünsche Ihnen, uns und mir eine rasche Genesung und
einen milden Verlauf.